Zum Hauptinhalt springen

Veröffentlicht am 1. Juli 2025

Nicht-pharmazeutische Massnahmen

Nicht-pharmazeutische Massnahmen zielen darauf ab, die Ausbreitung von Krankheitserregern zu verringern, um eine Eindämmung oder Abschwächung zu erreichen. Der kombinierte Einsatz von Massnahmen entlang der individuellen und umfeldbezogenen Interventionsebene erhöht ihre Wirksamkeit. Bei der Planung und Umsetzung der Massnahmen muss die Auswahl kontinuierlich an die sich verändernde Lage angepasst werden, während gleichzeitig Verhältnismässigkeit und Akzeptanz überprüft werden.

Hintergrund

Nicht-pharmazeutische Massnahmen (engl. non-pharmaceutical interventions, NPI) zur Infektionskontrolle umfassen sämtliche Vorkehrungen, die darauf abzielen, die Ausbreitung eines Krankheitserregers zu reduzieren und dabei keinen direkten Einsatz von Impfungen oder Therapien und Arzneimitteln erfordern. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht in diesem Zusammenhang auch von «Public Health and Social Measures (PHSM)». Sie werden in der Schweiz von Bund, Kantonen sowie einzelnen Institutionen entweder als Empfehlungen oder mit einer verbindlichen Anordnung (5. Kapitel Epidemiengesetz EpG, SR 818.101) eingeführt und umgesetzt.

Interventionsebenen

Entsprechend den unterschiedlichen Interventionsebenen lassen sich nicht-pharmazeutische Massnahmen danach unterschieden, ob sie das individuelle Verhalten oder die Verhältnisse innerhalb einer Gruppe bzw. eines Umfelds beeinflussen:

  • Individuum: Auf dieser Ebene kommen Massnahmen der Verhaltensprävention zum Einsatz – beispielsweise regelmässiges Händewaschen, das Husten und Niesen in Taschentuch oder Armbeuge, Abstand halten oder das Tragen einer Maske. Diese Massnahmen erfordern die aktive Mitarbeit und Akzeptanz der einzelnen Person.
  • Umfeld: Hierbei handelt es sich um Massnahmen der Verhältnisprävention, die darauf abzielen, die Rahmenbedingungen und Lebensumstände des Umfelds zu verändern, in denen Menschen agieren. Beispiele hierfür sind Kapazitätsbeschränkungen bei Veranstaltungen oder die Anpassung von Arbeits- und Schulstrukturen (z.  B. Homeoffice, Hybridunterricht). Solche Massnahmen werden in der Regel von Behörden oder Institutionen angeordnet, um Kontakte und Übertragungswege grossflächig zu reduzieren.

Strategie

Vor der Umsetzung nicht-pharmazeutischer Massnahmen muss zunächst eine Strategie für das entsprechende operative Ziel festgelegt werden, die definiert, in welchem Ausmass die Ausbreitung eines Krankheitserregers reduziert werden kann und soll. In Abhängigkeit vom angestrebten R-Wert lassen sich dabei zwei grundlegende Strategien unterscheiden (siehe Epidemiologische Grundlagen):

  • Eindämmung: Ziel dieser Strategie ist es, die Ausbreitung eines Krankheitserregers vollständig zu stoppen. Hierfür muss die Summe der umgesetzten nicht-pharmazeutischen Massnahmen ausreichend effektiv sein, um den R-Wert unter die kritische Schwelle von 1 zu senken. In der initialen Phase einer Pandemie kann diese Strategie besonders wirkungsvoll sein. Bei hoher Inzidenz während der Pandemiephase können jedoch sehr weitreichende Massnahmen erforderlich sein, die mit entsprechenden negativen Auswirkungen verbunden sein können.
  • Abschwächung: Bei dieser Strategie steht die Verlangsamung der Ausbreitung im Vordergrund. Dabei soll vor allem die Anzahl gleichzeitig infizierter Personen so gering gehalten werden, dass beispielsweise eine übermässige Belastung oder Überlastung des Gesundheitssystems verhindert wird. Der R-Wert bleibt bei der Strategie der Abschwächung grösser als 1. Das bedeutet, dass in der gleichen epidemiologischen Situation weniger weitreichende Massnahmen erforderlich sind als bei der Strategie der Eindämmung.

Planung und Umsetzung

Bei der Planung und Umsetzung nicht-pharmazeutischer Massnahmen sind die folgenden vier Aspekte (4 A's) zu berücksichtigen:

  • Auswahl: Die Auswahl nicht-pharmazeutischer Massnahmen richtet sich in erster Linie nach den spezifischen Eigenschaften des Krankheitserregers und seinen Übertragungswegen. Neue epidemiologische Erkenntnisse zu den Übertragungswegen, vulnerablen Gruppen und Risikoverhalten fliessen dabei laufend in die Ausgestaltung der Massnahmen ein.
  • Abwägung: Nicht-pharmazeutische Massnahmen können gewohnte Lebensweisen einschränken, etwa durch die Reduktion sozialer Kontakte oder der Bewegungsfreiheit, und werden daher oft als belastend empfunden. Ihre negativen gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen müssen stets gegen die Wirksamkeit zur Reduktion der Übertragung des Erregers abgewogen werden (siehe Verhältnismässigkeit und Folgeabschätzung sowie Auswirkungen).
  • Anpassung: Nicht-pharmazeutische Massnahmen werden laufend an die sich verändernde Bedrohungslage angepasst. Dabei wird die Bedrohungslage anhand verschiedener Faktoren beurteilt, darunter die Übertragungsfähigkeit des Krankheitserregers und der Schweregrad der Krankheitsfälle. Hinzu kommen mögliche Auswirkungen der Verbreitung des Erregers auf die Gesellschaft, beispielsweise in der Grundversorgung, auf die Wirtschaft oder in Bezug auf die Sicherheit des Landes. Entsprechend müssen die Massnahmen regelmässig neu bewertet und wo nötig an die aktuelle epidemiologische Lage angepasst werden. Eine frühzeitige und zeitlich begrenzte Einführung von Massnahmen – etwa in der initialen Phase einer Pandemie – kann dabei zum Ziel der Eindämmung beitragen oder Zeit verschaffen, um Ressourcen zu mobilisieren und weitere Vorbereitungen zu treffen.
  • Akzeptanz: Die Akzeptanz von nicht-pharmazeutischen Massnahmen in der Bevölkerung ist entscheidend für deren Erfolg. Je länger und intensiver Massnahmen andauern, desto stärker können Widerstände entstehen oder die Bereitschaft zur Umsetzung sinken. Eine transparente Kommunikation und ein offener Dialog über Ziele, Wirksamkeit und negative Auswirkungen der Massnahmen trägt dazu bei, Vertrauen zu schaffen und das Mittragen durch die Bevölkerung zu sichern (siehe Akzeptanz). Umfassende Massnahmen sollten laufend evaluiert und bei Bedarf angepasst werden, damit sie gesellschaftlich tragbar und dennoch effektiv bleiben.

Insgesamt sind nicht-pharmazeutische Massnahmen ein zentrales Instrument zur Eindämmung und Abschwächung einer Pandemie. Die richtige Auswahl, Einführung und laufende Anpassung an neue Erkenntnisse und Rahmenbedingungen sind entscheidend, um einerseits eine effektive Kontrolle des Infektionsgeschehens und andererseits eine möglichst geringe negative Auswirkung auf die Gesellschaft zu gewährleisten.

Massnahmen

Im Folgenden werden exemplarisch Massnahmen entlang der Interventionsebenen beschrieben, wobei der Schwerpunkt auf respiratorische Krankheitserreger gelegt wird. Bei Erregern mit anderen Übertragungswegen können auch andere Massnahmen erforderlich sein.

Interventionsebene Individuum

Diese Massnahmen zielen darauf ab, das persönliche Verhalten zu beeinflussen und somit das individuelle Risiko einer Ansteckung oder Übertragung zu verringern. Viele dieser Massnahmen können auch ausserhalb von Pandemien zur Prävention der Übertragung respiratorischer Atemwegserreger angewendet werden.

Handhygiene: Regelmässiges und gründliches Händewaschen oder die Verwendung eines alkoholbasierten Händedesinfektionsmittels kann Übertragungen verhindern – sei es durch direkten Händekontakt oder über kontaminierte Oberflächen. Besonders wichtig ist konsequente Handhygiene nach dem Berühren häufig genutzter Gegenstände, vor der Zubereitung von Speisen sowie nach dem Husten oder Niesen. Auch der Verzicht auf das Händeschütteln trägt zur Reduktion des Infektionsrisikos bei und unterstützt die Abstandsregeln.
In Taschentuch oder Armbeuge husten und niesen: Auf diese Weise lässt sich die Verbreitung von Erregern, die über respiratorische Tröpfchen übertragen werden, reduzieren. Da hierfür weder Vorbereitungen noch Ressourcen erforderlich sind, kann diese Basishygienemassnahme überall und jederzeit unkompliziert angewendet werden.
Bei Symptomen zuhause bleiben: Abhängig von den klinischen und epidemiologischen Eigenschaften des Erregers kann diese Massnahme z. B. am Arbeitsplatz, in der Schule oder an Veranstaltungen Übertragungen verhindern. Die Wirksamkeit der Massnahme hängt bei vorwiegend milden Symptomen stark von der individuellen Bereitschaft und Möglichkeit ab, sie umzusetzen. Zur Umsetzung müssen Arbeitgebende frühzeitig eingebunden und (sozial-)gesetzliche Regelungen getroffen werden.
Abstand halten: Das Risiko einer Ansteckung steigt bei engem Kontakt, da respiratorische Krankheitserreger unter anderem beim Sprechen, Niesen oder Husten in die Umgebung abgegeben werden. Das Infektionsrisiko lässt sich durch Abstandhalten deutlich reduzieren. Diese auch als «physische Distanzierung» bezeichnete Massnahme ist am Arbeitsplatz oder bei Veranstaltungen von besonderer Bedeutung. Allerdings braucht es dafür gesellschaftliche Sensibilisierung und geeignete Rahmenbedingungen, damit Abstandhalten akzeptiert wird und in allen Lebensbereichen praktikabel ist.
Maske tragen: Medizinische Gesichtsmasken (Hygienemasken) dienen primär dem Fremdschutz, indem sie Tröpfchen abfangen, die beim Sprechen, Niesen oder Husten entstehen. Atemschutzmasken (Filtering face piece (FFP) bzw. FFP2-/FFP3-Masken) filtern zusätzlich Aerosole aus der eingeatmeten Luft und bieten somit einen höheren Eigenschutz. Die konsequente Verwendung von Masken, etwa in öffentlichen Räumen, erfordert jedoch eine ausreichende Akzeptanz und korrekte Handhabung. Wenn Masken getragen werden, ist eine koordinierte Einführung (z. B. in allen Innenräumen oder öffentlichen Verkehrsmitteln) empfehlenswert, um den grösstmöglichen Schutzeffekt zu erzielen.

Interventionsebene Umfeld

Diese Massnahmen zielen darauf ab, die Verhältnisse des Umfelds so zu gestalten, dass Kontakte und/oder Übertragungsmöglichkeiten grossflächig reduziert werden. In der Regel werden sie von Behörden oder Institutionen angeordnet.

  • Verbesserung der Raumluftqualität: Das regelmässige und ausreichende Lüften von Innenräumen verdünnt die Konzentration luftgetragener Krankheitserreger und senkt damit das Infektionsrisiko. Mechanische Lüftungsanlagen können den Luftaustausch gezielt steuern und sind besonders effektiv, wenn sie frühzeitig auf die jeweilige Raumnutzung abgestimmt werden. Eine Fensterlüftung ist ebenfalls hilfreich. Die Messung und Überwachung des CO₂-Gehalts der Raumluft kann ein nützliches Instrument sein, um die Fensterlüftung gezielt anzuwenden. Entscheidend ist, dass die eingesetzten Lüftungsmassnahmen konsequent beachtet und regelmässig evaluiert werden.
  • Isolation und Quarantäne: Infizierte Personen werden isoliert, während Kontaktpersonen ohne Symptome in Quarantäne bleiben. Diese Massnahmen können freiwillig erfolgen, was eine hohe Akzeptanz voraussetzt, jedoch verlässliche Kommunikation und adäquate Unterstützung (z. B. Versorgung, Arbeitgeberregelungen) erfordert. Bei dringendem Handlungsbedarf oder mangelnder Bereitschaft zur freiwilligen Umsetzung kann eine behördliche Anordnung erforderlich sein.
  • Homeoffice: Von zuhause aus arbeiten reduziert Kontakte am Arbeitsplatz und auf dem Arbeitsweg, was die Übertragung von Erregern reduzieren kann. Falls notwendig, kann Homeoffice behördlich angeordnet werden. Für Berufsgruppen, für die diese Massnahme keine Option ist, sind alternative Lösungen erforderlich (z. B. Schichtbetrieb oder grössere Abstände am Arbeitsplatz). Die Einführung von Homeoffice-Regelungen müssen entsprechend vorbereitet und kommuniziert werden, damit Unternehmen reibungslose Abläufe gewährleisten können.
  • Regulierung von Versammlungen und Veranstaltungen: Um das Risiko von Übertragungen bei öffentlichen und privaten Versammlungen und Veranstaltungen zu reduzieren, können Zugangs- und Kapazitätsbeschränkungen sowie Schutzkonzepte eingeführt werden. Dies erfolgt häufig behördlich. Wirksame Konzepte bündeln meist mehrere Massnahmen, etwa das Einhalten von Abstandsregeln, das Tragen von Masken oder eine verbesserte Belüftung.
  • Schliessungen: Die vorübergehende Schliessung von öffentlichen und privaten Einrichtungen und Unternehmen wie Schulen, Restaurants, Bars oder Geschäften des nicht-täglichen Bedarfs kann dazu beitragen, die Ausbreitung von Krankheitserregern zu reduzieren. Sie kann weitreichende soziale und wirtschaftliche Folgen haben, wie elterlicher Arbeitsausfall, Bildungslücken oder der Bedarf an alternativen Betreuungsangeboten. Zugleich leiden betroffene Branchen wie Handel und Gastronomie unter Umsatzeinbussen. Daher sollten diese Massnahmen stets in transparenter Abstimmung mit allen Beteiligten eingeführt werden.
  • Weitergehende Bewegungseinschränkungen: Massnahmen, die von Empfehlungen, zuhause zu bleiben, über Gebietseinschränkungen bis hin zu Ausgangssperren reichen, können in ausserordentlichen Situationen zur Anwendung kommen. Sie erfordern eine klare Kommunikation sowie umfangreiche Unterstützungsmassnahmen, beispielsweise bei der Versorgung mit Lebensmitteln und Arzneimitteln. Zudem sollte berücksichtigt werden, dass ein verstärkter Aufenthalt in privaten Innenräumen das Übertragungsrisiko unter Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern, insbesondere bei viralen Atemwegserregern, auch erhöhen kann.

Effektivität von Massnahmen

Wissenschaftliche Studien zeigen auf, dass einzelne Massnahmen – etwa die Regulierung von Versammlungen und Veranstaltungen oder gezielte Schliessungen – die Übertragung von Krankheitserregern signifikant reduzieren und den R-Wert um etwa 20 bis 40 % senken können. Der gleichzeitige Einsatz mehrerer nicht-pharmazeutischer Massnahmen ist dabei grundsätzlich effektiver als die isolierte Anwendung einzelner Interventionen, da so verschiedene Übertragungswege simultan unterbrochen werden können. Hinsichtlich der Regulierung von Versammlungen und Veranstaltungen kommt die wissenschaftliche Literatur zum Schluss, Obergrenzen bei einer kleinen Anzahl Personen (z. B. fünf oder zehn) anzusetzen, da dies deutlich wirksamer ist als Obergrenzen ab 100 oder 1000 Personen. Im Weiteren deutet die wissenschaftliche Evidenz darauf hin, dass grossflächige Schliessungen nur wenig effektiver sind als gezielte Schliessungen von Orten mit erhöhtem Infektionsrisiko, etwa Bars, Restaurants und Nachtclubs. Wenn pharmazeutische Massnahmen wie Impfungen zur Verfügung stehen, können diese mit nicht-pharmazeutischen Massnahmen kombiniert werden, um die Effektivität insgesamt zu erhöhen und die Ausbreitung des Erregers zu reduzieren.

Weitere Informationen